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EP in silkscreen printed cover, with "locked groove", incl. Downloadcode, limited to 300 copies!
Das Motto, unter dem Religious Girls aus Oakland zuletzt anderthalb Monate im Tourbus verbracht haben, spricht bereits Bände: Sie waren im Rahmen ihrer „Shred Til We Ded Tour“ unterwegs – es ging um Shredden, Vollgas geben bis zum Abwinken, bis zum letzten Atemzug also. Und genau das ist ganz offensichtlich ihr Ding und Markenzeichen: Shredden, abgehen, und zwar richtig, sich nicht darum scheren, ob Worte gesungen oder undefinierte Laute gebrüllt werden, denn was letztlich zählt, ist der Nachdruck, die Lust auf Schweiß, Rhythmus, Ekstase – wie bei einer Art konfessionslosem Stammesritual. So gesehen haben diese auf Vinyl verewigten Momente, ja Epiphanien in der Tat etwas Religiöses. Nur sind diese Religious Girls trotzdem keine drei Mädels, sondern Jungs.
Aber zurück zum Thema Shredden, zum Thema Krawall: Kein Wunder, dass Religious Girls den ersten Track jenem jungen Mann (Oscar Grant) gewidmet haben, der in der Silvesternacht 2009 in ihrer Heimatstadt von einem Bahnpolizisten erschossen wurde, was weltweite Empörung und Ausschreitungen in Oakland nach sich ziehen sollte. Da ihr Sound aufständischer, tobender kaum sein könnte – das mag daran liegen, dass sie mit zwei Schlagzeugern operieren –, passt diese Widmung wie die geballte Faust aufs Auge, denn sie gibt dem Track eine klare An- und Aussage, eine Richtung, einen Ausgangspunkt, von dem aus Religious Girls ihre Markenzeichen (schwelende und, nun ja, shreddende Synthie-Rundumschläge, paranoiden Doppel-Drum-Wahnsinn und spontan-wortlose Gemeinschaftsgesänge) in mathematisch präzisem Noise versenken. Sie zelebrieren mit diesem Stück ein Menschenleben, das viel zu früh und auf viel zu grausame Weise beendet wurde – und stellen somit Nietzsche auf den Kopf: Es ist die Geburt der Musik aus dem Geiste der Tragödie.
Oder noch anders: Hier treffen so viele grandiose Oh-eah-ah-oh-Gesänge auf so viel Wumms im Unterholz, dass Ginsbergs „Howl“, neu aufgenommen im Jahr 2012, in der Tat wohl eher wie „Oscar Grant“ klingen dürfte.
In diese musikalischen Ausschreitungen und Tumulte verwickelt sind auch die befreundeten James & Evander (ebenfalls aus Oakland – und ebenfalls berüchtigt für ihre wilden Synthesizer-Welten), die mit ihrem Remix die Gesangsspuren noch mehr in den Vordergrund stellen und damit die Message des wortlosen Protests unmissverständlich klar machen, während der massive Beat einen auch dann zustimmend nicken lässt, wenn man eigentlich geplant hatte, vor lauter Entsetzen den Kopf zu schütteln.
Die nächste Remix-Variation auf der „Midnight Realms“-EP stammt von einem gewissen Tyler Walker aus Murfreesboro in Tennessee, besser bekannt als Meth Dad, und er setzt auf stampfende Clubelemente aus den Neunzigern und will damit wohl etwas ganz anderes sagen zum Thema Oscar Grant: Nämlich dass wir, die wir noch am Leben sind, nicht verzweifeln sollen an all dem Unrecht, das in dieser Welt geschieht. Auch Feiern gehört dazu, Lebensfreude, Zuversicht. Und natürlich ist auch dagegen nicht viel einzuwenden.
„Charity“, der zweite Track des Trios aus Oakland, das inbrünstig eine Konzertbühne nach der anderen zerschreddert, hat sogar noch mehr von einer Wiedergeburt: die Gesänge des Tracks, dessen Instrumentierung immer wieder einbricht und neu aufflackert, mathematisch präzise, absolut dicht und druckvoll, werden als nächstes von Martin Gretschmann aka Console (The Notwist, 13&God) durch den Remix-Apparat geschickt: Console sortiert dabei ordentlich aus, macht Platz für weitere Rhythmusschichten, auch für subtilere Strukturen, und obendrein für jede Menge Hall. Den Shredding-Faktor reduziert er drastisch in seiner Version, erschafft stattdessen ein komplexes Klanggewächs, das gedeiht und verkümmert, sich aufrappelt, um dann doch wieder zu verstummen.
Nach diesem Abstecher von Oakland nach Weilheim, längst musikalische Partnerstädte, unterziehen sich Religious Girls noch ein letztes Mal der Remix-Prozedur, denn sie begeben sich unters Messer von Old Arc aus Santa Cruz (Austin Wood & Stefen Lazer): Überkochende, siedende Beats, flirrende Discokugel-Lichter samt Lasershow und zerstückelten Samplewelten überführen den druckvollen Shredding-Gedanken hier in heißere Funk-Gefilde, sodass man dazu einfach nur schlüpfrig tanzen (oder sich stilvoll prügeln) will.
Die drei Nonkonformisten, Freidenker und Multiinstrumentalisten, die sich hinter dem Namen Religious Girls verbergen – Nicholas Cowman, Guy Culver und Christopher Danko –, machen nun schon seit knapp vier Jahren gemeinsame Sache. Vielleicht ist diese neue EP, „Midnight Realms“, genau die Art von Evangelium und Heilsbotschaft, die ihnen bislang gefehlt hat, um auch die letzten Ungläubigen zu bekehren. Ihre frohe Botschaft ist unmissverständlich: Du sollst nicht abgebrüht und gleichmütig dabei zusehen, wenn deine Nächsten shredden!

Religious Girls: Midnight Realms

Oscar Grant Religious Girls 5'25''
Charity Religious Girls 5'50''
Oscar Grant (James+Evander Remix) Religious Girls 3'39''
Oscar Grant (Meth Dad Remix) Religious Girls 2'41''
Charity (Console Remix) Religious Girls 5'49''
Charity (Old Arc Remix) Religious Girls 3'34''