Ursula Bogner

Recordings 1969-1988

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Nahezu unglaublich, dass Ursula Bogner als Musikerin bis dato unentdeckt geblieben ist. Und genauso unglaublich, und doch wieder alltäglich, liest sich ihre Biografie.
In einem Flugzeug auf dem Weg nach Vlinius machte ich die Bekanntschaft mit Sebastian Bogner, den Sohn Ursulas, der, so erzählte er, auf Geschäftsreise sei und in der Pharmaindustrie tätig ist. Schnell ka- men wir über den üblichen Smalltalk auf seine Mutter zu sprechen, die ‚auch mit Synthesizern musi- zierte', allerdings rein privatistisch, in einem hierfür eigens eingerichteten Musikzimmer im elterlichen Wohnhaus. Das Interesse ihres Umfelds war gering, die Musik wurde als eines ihrer vielen exzentrischen Hobbys wahrgenommen. Denn vordergründig war Ursula Bogners Lebenswelt durch und durch bürger- lich: Pharmazeutin, Ehefrau, Mutter inklusive Einfamilienhaus. Umso bizarrer scheint ihre Obsession für elektronische Musik. Einer Obsession, die sie glücklicherweise dazu antrieb, ein eigenes Studio einzu- richten, um dort zu experimentieren und Aufnahmen zu machen.
Gemessen an den üblich chronologischen Eckdaten, ist Ursula Bogners Biografie schnell erzählt: 1946 in Dortmund geboren und aufgewachsen, zog sie 19jährig nach Westberlin um Pharmazie zu studieren. Kurz nach dem Studium begann sie für den großen Pharmakonzern Schering zu arbeiten. Es folgten Heirat und Kinder, sowie eine erfolgreiche aber nicht Aufsehen erregende Karriere als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Konzern. Parallel dazu wuchs ihr Interesse an elektronischer Musik. Anfang 20 verfolgte sie die Aktivitäten um das Studio für elektronische Musik in Köln, besuchte Seminare des Studiogründers Herbert Eimert, begeisterte sich für Musique Concrète und teilte später mit ihren Kindern die Liebe zu englischen New-Wavepop. Doch Ursula Bogner war nie aktiver Bestandteil einer Szene, schien nicht ambitio- niert, ihre Musik einer Öffentlichkeit zugängig machen zu wollen. Vielleicht war dies verschuldet durch eine Neugier, die sich bei weitem nicht auf die Musik beschränkte: Sie malte, druckte (2 ihrer Linol- drucke sind abgebildet) und war Anhängerin der Orgonomie Wilhelm Reichs, des bizarren Spätwerks des Sexualforschers und Psychoanalytikers, dessen Erkenntnis in der Entdeckung der ‚Orgonenergie' lag. Einer spezifischen über die Sonne abgegebenen Energie, die Reich für Heilzwecke zu bündeln, bzw. mit- tels einer von ihm entwickelten Apparatur zu sammeln versuchte. Folglich wurden diese aus Holz und Metall konstruierten Kabinen ‚Orgonakkumulatoren' genannt. (s. Abbildung) Inspiriert durch mehrere Reisen nach ‚Orgonon' in Maine, USA‚ der ehemaligen Arbeits- und Wohnstätte Wilhelm Reichs, baute auch Ursula Bogner sich solch einen Akkumulatoren. Er befand sich im Garten der Familie. Spätestens hier drängt sich ein Verdacht auf, den Sebastian Bogner zu bestätigen weiß: Seine Mutter war durch und durch affin fürs Esoterische. Berge von New Age Literatur und grenzwissenschaftlichen Arbeiten waren Bestandteil des Bognerischen Alltags. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass sie sich zugleich immer auch als Mitarbeiterin des Schering Konzerns in einem Wissenschaftskanon bewegte. Auch ihre Kompo- sitionen besitzen wenig Nähe zur Esoterik, haben vielmehr Studien- und Skizzencharakter, sind zugleich humoristisch, und in Bezug auf ihre Biografie eher albern, als irgendeiner Mystik oder Wissenschaft ver- pflichtet. Nichtsdestotrotz fällt es schwer, ihr Werk als Ganzes zu greifen. Man kann sagen, dass sich über 20 Jahre hin eine große Bandbreite anhäufte, und dementsprechende enorm ist die Fülle ihrer Arbeit.
Ursula Bogner begann in den späten 60er Jahren ihre Musik auf Tonbändern aufzuzeichnen. Vereinzelt lagen nur die einzelnen Spuren der auf einem 4-Spurrecorder aufgenommenen Stücke vor, so dass ich im Nachhinein die jeweiligen Bänder erneut zusammenmischen musste. Leider konnte sie mir bei dieser Arbeit nicht mehr zur Seite stehen, da Ursula Bogner bereits 1994 in Berlin verstarb. Beruft man sich auf die Authentizität des Originals ist das vielleicht unsensibel, aber auf anderem Wege war es nicht möglich, die Stücke in ihrer Ganzheit zu hören. Letztendlich befinden sich nur drei dieser ‚Bearbeit- ungen' auf der CD. Alle anderen Titel entsprechen den Originalbändern. Ihre Entstehungsjahre liegen eng beieinander, und auch inhaltlich kann man, so hoffe ich, eine Kohärenz erkennen. Eine Kohärenz, die eine zugängliche, rhythmische, streckenweise ‚poppige' Facette widerspiegelt. Und natürlich hat bei der Auswahl auch meine persönliche Vorliebe mit entschieden. Müsste ich mit dem Finger auf meine Favoriten deuten, wären es gewiss die auf der CD versammelten Stücke; jedes Mal erneut erliege ich fast kichernd der Nonchalance, die in diesen Titeln mitschwingt. Viele Stunden Musik bleiben so unent- deckt, aber eine weitere Zusammenstellung ist bereits in Arbeit.
Mein Dank geht an die Familie Bogner und insbesondere Sebastian Bogner, der mir die Tonbänder großzügigerweise zur Verfügung stellte sowie Einblick in das Leben seiner Mutter gewährte. Bleibt nur, den Hörern dieselbe Begeisterung zu wünschen, die ich bei der Entdeckung Ursula Bogners hatte.
Liner Notes
1. Begleitung für Tuba (1982)
Gleich zu Beginn ein Titel, der neu abgemischt werden musste, da nur die einzelnen Spuren vorlagen: Einfache Filtermodulation hangeln sich um ein Bassmotiv, das klanglich an eine Tuba erinnert. Kann man eleganter eine Tuba zum swingen bringen?
2. Inversion (1978)
Offensichtliche Random-Modulationen sind zu einzelnen Loops geschnitten worden, die sich ineinander verzahnen, ablösen und vertauschen. So erklärt sich vielleicht auch der Titel. Trotz des Skizzen- charakters wirkt ‚Inversion' zugänglich, ja fast ‚festlich', so als ob es die Eröffnung einer außerpla- netarischen Gala einleiten würde.
3. Proto (1980)
Eines meiner persönlichen Favoriten. Lassen wir die Tatsache außer Acht, dass ‚Proto' aus dem Jahr 1980 ist, könnte man fast von einem Prä-Disco Stück sprechen. Oder ist es gerade deshalb Post-Disco? Der Fokus liegt auf einer einfachen Bassmodulation, die ein Arpeggio vorzutäuschen scheint und ohne weiteres auch das Fundament einer Discohymne sein könnte.
4. Metazoon (1979)
Kubisch schichten sich die Spuren übereinander, scheinen sich aneinander aufzureiben, anstatt sich der im Hintergrund puckerten Rhythmusmaschine unterzuordnen. Das Ergebnis ähnelt einem sich drehen- den Hamsterrad, das stolpernd eine gleichförmige Bewegung zu finden versucht.
5. Momentaufnahme (1977)
Eine Figur schnell ablaufender Tonfolgen wird durch düstere Dissonanzen aufgeschreckt und zieht sich als Folge in einen Hallraum zurück, wo sie wenig später einem hochfrequenten Signal erliegt. ‚Moment- aufnahme' erscheint fast szenisch narrativ.
6. 2 Ton (1984)
Wieder ein Titel, dessen Einzelspuren zusammengemischt werden mussten. Alles konzentriert sich auf eine Basslinie, deren Frequenzspektrum sich leicht verschiebt. Ergänzend drängt sich mantra-gleich eine 2 Tonmelodie in den Vordergrund. Das alles wirkt sehr mechanisch, so als ob die kompositorischen Anweisungen auf Lochkarten verfasst worden sind. Für mich schon fast ein Wave-Titel.
7. Speichen (1979)
Leicht variierende Percussionkaskaden setzten zu einem Duett mit einer weiteren Rhythmusspur an. Die Letztere ist offensichtlich nicht von Synthesizern erzeugt. Wie Sebastian Bogner mir verriet, hat seine Mutter gerne Arbeitswerkzeug mit Kontaktmikrofonen versehen. Vermutlich wurde die zweite Spur mit so einem Werkzeug eingespielt - was auch immer es war.
8. Modes (1985)
Auch ‚Modes' wurde neu abgemischt. Das Stück lag leider als Ganzes nicht vor. Mysteriöse Flugkörper schweben vorsichtig über einer lebensfeindlichen Sci-Fi-Landschaft hinweg. Ähnlich wie diese Asso- ziation wirken Klang und Arrangement sehr ‚klassisch'.
9. Atmosphäre 1 (1977)
Erstaunlich, dass zwischen ‚Modes' und ‚Atmosphäre 1' ganze 8 Jahre liegen. Beide scheinen aus dem- selben Sound-Repertoire zu schöpfen. Um bei der vorherigen Assoziation zu bleiben: Mysteriösen Flug- körper beschleunigen auf einer eigens hierfür vorgesehenen Schnellspur. Zu hören ist das Hochschalten der Gänge.
10. Punkte (1984)
Eine diesmal wirkliche Arpeggio-Bassfigur und eine verstimmte Sinustonmelodie bilden eine bizarre Formation: Der alles vorantreibender Basslauf findet nur bedingt Zustimmung, denn Sinustöne setzen gelangweilt zu einer Melodie an. Nichtsdestotrotz ist das Resultat sensationell eingängig. Wäre ich für die Plattenindustrie tätig, würde ich von einem Hit sprechen.
11. Expansion (1979)
‚Speichen' und ‚Expansion' sind im selben Jahr entstanden und haben inhaltliche Gemeinsamkeiten. Auch hier wieder ein Rhythmusmuster, das kaskadenförmig einen Hang hinab zu stolpern scheint. Dazu eine Art ‚Thema', dass in einer Echokammer nervös seine Bestimmung sucht. Übrigens einer der wenigen Titel, die mit einem Echoeffekt aufgenommen worden sind.
12. Für Ulrich (1980)
1980 nahm Ursula Bogner das Geburtstagsständchen für den Ehegatten Ulrich auf. Der charakter- istische Tubasound leitet ein südamerikanisches Rhythmusset ein. Das alles wirkt sehr geheimnisvoll. Leider gab es zu diesem Band keine weiteren Notizen.
13. Pulsation (1969)
Das Entstehungsjahr von ‚Pulsation' liegt deutlich früher als bei den anderen Stücken. Der Begriff stammt aus der Mikrobiologie, und war einer der Forschungsschwerpunkte Wilhelm Reichs. Reich sprach von der ‚Rhythmizität' primitiven Lebens.
14. Testlauf (1975)
Ein schneller Synthesizerpuls wird eine Oktave tiefer transponiert. 1975 hat Ursula Bogner unzählige Aufnahmen dieser Art aufgezeichnet. ‚Testlauf' ist nur ein kleiner Einblick.
15. Soloresonanzen (1988)
Wiederkehrende Resonanzen verdichten sich zu einem arktischen Schneetreiben. 'Soloresonanzen' läutet eine neue, minimalistischere Phase Bogners ein. Mehr dazu vielleicht auf der nächsten Zusammenstellung.

Ursula Bogner: Recordings 1969-1988

Linernotes Ursula Bogner 5'59''
Begleitung für Tuba Ursula Bogner 2'26''
Inversion Ursula Bogner 1'59''
Proto Ursula Bogner 1'34''
Metazoon Ursula Bogner 3'35''
Momentaufnahme Ursula Bogner 1'13''
2 Ton Ursula Bogner 3'00''
Speichen Ursula Bogner 1'58''
Modes Ursula Bogner 1'57''
Atmosphäre 1 Ursula Bogner 51''
Punkte Ursula Bogner 3'01''
Expansion Ursula Bogner 2'17''
Für Ulrich Ursula Bogner 1'49''
Pulsation Ursula Bogner 1'44''
Testlauf Ursula Bogner 1'31''
Soloresonanzen Ursula Bogner 6'53''
RecordingsRewind Ursula Bogner 1'35''

Auch schön: